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„Scharf!“ sagt warnend die Verkäuferin am Gemüsestand
und deutet auf den Korb mit länglichen, glänzend roten Schoten.
Ich habe es längst aufgegeben, nach der Sorte zu fragen, denn die
Antwort kenne ich schon: „Na, Chili eben. Sehr scharf.“ Es
ist zum Verzweifeln, aber wir haben in unserem Land nun einmal keine Chili-Kultur.
Chili ist eben Chili – basta.
Gleich so, als hießen Äpfel nicht Cox oder Gravensteiner,
sondern nur „Äpfel“. So sind unliebsame Überraschungen
vorprogrammiert: Die großen, glatten, feurig anmutenden Schoten
erweisen sich in der Küche womöglich als milde Langweiler, die
unauffälligen kleinen hingegen als Gaumenbrandstifter. Auch die Farbe
hilft nicht unbedingt weiter: Wer meint, grüne Schoten seien von
milder Sorte, kann schnell eines Besseren belehrt werden.
So
halte ich mich mit mäßigem Erfolg an eine schlichte Regel:
Je kleiner, desto schärfer. Eine halbwegs ordentliche Auszeichnung
des Chilis könnte mir dagegen verraten, ob es sich um süßen
ungarischen Chili handelt, der eher den Paprika zuzuordnen ist (Schärfegrad
1), oder ob da Habanero, Jamaika-Chili, thailändische Vogelaugen-Chili
oder Scotch bonnet feilgeboten werden (Schärfegrade 9-10).
Brot contra Schärfe
Dem Chili-Anfänger sei Trost zuteil: Regelmäßige Verwendung,
die aus kulinarischen und aus gesundheitlichen Gründen sehr zu empfehlen
ist, immunisiert im Laufe der Zeit gegen den Biss der scharfen Schoten.
Und noch ein Tipp für den Umgang mit Chili: Kerne entfernen! Damit
sind der Feuerschote ihre Reißzähne entzogen. Wer ein Stückchen
des rohen Chilis vorsichtig mit der Zunge prüft, weiß nach
etwas Übung schon um die richtige Dosierung. Und wem trotz aller
Vorsicht doch die Zunge brennt, die Augen tränen und die Nase läuft:
Etwas Brot wirkt nachhaltiger als viel Flüssigkeit. Bier soll auch
gut sein.
Eine
Stelle gibt es allerdings, wo man Chili besser vermeiden sollte: Die Augen.
Es brennt höllisch. Also niemals mit den Chili-Fingern im Gesicht
herumwischen. Immer gut waschen. Sehr empfindliche Personen tragen beim
Umgang mit besonders scharfen Schoten am besten Gummihandschuhe.
Nicht gerade für Desserts, aber...
Nach so vielen Risiken und Nebenwirkungen nun endlich die naheliegende
Frage: Was kann man mit Chili in der Küche eigentlich anstellen?
Nun, außerhalb des Segments der Desserts sind die Einsatzmöglichkeiten
nahezu unbegrenzt: Nichts geht ohne: Pastasaucen, Salate, Suppen, Brühe,
pfannengerührte Gerichte, Apfelkompott, Kartoffelgratin, Rühreier...
Wo Chili zu Hause ist, wird er aus guten Gründen frisch verwendet.
Doch es geht auch anders: Chili
lässt sich recht leicht trocknen (am besten auf einer dünnen
Schnur aufgereiht) und später dem Vorrat überantworten. Es gibt
auch Chili in gemahlener Form, der – sofern die entsprechend bissigen
Sorten verwendet wurden – den irreführenden Namen „Cayenne-Pfeffer“
trägt. Unter der Bezeichnung Chili-Pulver verkauft man dagegen eine
Würzmischung für Chili-Gerichte. Eine der schärfsten Chili-Arten
heißt Tabasco; da ahnen wir, dass er eine Verbindung mit Essig und
Salz eingehen wird und danach in flüssiger Form zur Verfügung
steht. Doch davon später.
Es liegt am Capsaicin
Für meine Art zu kochen ist Chili unentbehrlich, auch wenn gelegentliche
Dosierungsfragen erst bei Tisch abschließend zu beantworten sind
– egal. Chili muss sein, und das nicht allein seiner einzigartigen
Würzwirkung wegen: Chili ist gesund und vermag heilsame Wirkung zu
entwickeln. Der Gesundheitsförderung dient Chili durch genau die
Eigenschaften, die die Nase triefen und Tränen in die Augen treten
lässt.
Capsaicin heißt der Stoff, der die Sekrete das Laufen lehrt. Vergegenwärtigt
man sich, wie viele Krankheiten der Atemwege und auch der Lungen
(von der Nasennebenhöhlenentzündung bis zur chronischen Bronchitis)
durch Sekretstau verursacht werden können, so dämmert es vielleicht
langsam. Fast alle haben in so einem Fall schon vertrauensvoll die ärztlich
verordneten schleimlösenden Mittel aus der Apotheke nach Hause getragen.
Kaum einem ist klar, dass die gesündere und vielleicht sogar wirksamere
Alternative längst im Haus ist: Chili, optimal ergänzt durch
Knoblauch und Ingwer, am besten kombiniert in einer Hühnersuppe.
Ich behaupte: Eine bessere Medizin gegen Erkältungen und Atemwegserkrankungen
gibt es nicht Im Notfall tut es auch ein Löffelchen Tabasco. Angeblich
hat ein Löffel voll Cayennepfeffer, in Wasser verrührt getrunken,
schon manchem Herzanfallpatienten das Leben gerettet.
Eine ähnlich segensreiche Wirkung hat Chili auf das Blut, es fließt
verdünnt einfach besser. Derselbe Stoff, der uns den Mund verbrennt,
ist auch in der Lage, Blutgerinnsel zu vermeiden.
Thais, die für ihren exzessiven Chiliverbrauch bekannt sind, leiden
deutlich weniger an Thrombosen und Schlaganfällen als Menschen aus
Chili-abstinenten Ländern.
Chili – diesmal äußerlich
Damit aber nicht genug: Chili wird in vielerlei Form auch äußerlich
angewandt. So enthalten bestimmte Salben, die auf der Haut wohltuende
Wärme entfalten, reichlich aus Chili gewonnenes Capsaicin, beispielsweise
der in Asien sehr verbreitete und auch bei uns erhältliche rote „Tiger-Balsam“
sowie seine westlichen Epigonen. Ja, und dann gibt es noch die bekannten
wärmespendenden Pflaster, mit denen sich Verspannungen, Verstauchungen
und Zerrungen vorzüglich behandeln lassen. Ihr wichtigster Wirkstoff
ist – na klar, Capsaicin aus Chili.
Also meine dringende Empfehlung: Ran an den Chili!
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